Die Hauptstadt der Armen

Leipzig gilt als ärmste Stadt Deutschlands. Der Mangel hat ganz unterschiedliche Gesichter.

22. Dezember 2012

 

Scheiß gebaut. Mehr sagt Max, nicht. Zweimal war er wegen dieser Sachen ein paar Monate im Knast. Und wenn er rauskommt, hat er kein Zuhause, keinen Job, kein Geld. Jetzt sitzt er in der "Oase", dem Leipziger Obdachlosentreff. Jeden Mittag gibt es eine warme Mahlzeit für einen Euro. Der kleine Speisesaal ist voll, bis zu 70 Menschen kommen täglich her. Im Winter schieben sie abends die Tische weg, dann werden acht bis zehn Feldbetten aufgebaut. Eine Notschlafstelle für die, die sonst nicht wissen wohin. Max ist 23 Jahre alt. Auch er schläft hier.
Leipzig ist Deutschlands Armutshauptstadt. Sagt das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der gewerkschaftlichen Hans-Böckler-Stiftung. Die Messestadt habe eine "Armutsquote" von 25 Prozent, die höchste bundesweit, wenn auch leicht sinkend. Das heißt: Jeder vierte Leipziger lebt unterhalb der finanziellen Schmerzgrenze. Hat damit weniger als das, was laut EU zum Leben in der Gesellschaft nötig ist: 848 Euro für einen Single, 1272 Euro für ein Paar ohne Kind. Das ist in den Augen vieler Menschen etwas mehr als der Hartz-IV-Bedarfssatz, aber trotzdem zu wenig für ein würdevolles Leben. In Dresden sind es laut der Studie "nur" 20 Prozent.
"Arm" würden sich viele derer, die in der Statistik auftauchen, dennoch nicht nennen und wollen darüber auch nicht reden. Sie kommen ja irgendwie zurecht. Dabei hat Armut viele Gesichter in der Stadt. Dazu gehören Bedürftige, die in der Weihnachtszeit im "Restaurant des Herzens" ein gespendetes Drei-Gänge-Menü genießen dürfen. Und Menschen, die arbeiten gehen, davon aber nicht leben können. In Leipzig sind 18 681 Aufstocker registriert. Nachts schleppen sie zum Beispiel Pakete im Frachtzentrum von DHL, tagsüber beantragen sie Hartz IV. "Auch wenn DHL bereits mehr als den Mindestlohn zahlt - wer nur Teilzeit arbeitet und Familie hat, kommt damit allein nicht zurecht" , sagt Verdi-Fachmann Andreas Wiedemann. "Da gibt es etliche Aufstocker." Viele von ihnen würden mehr arbeiten, der technische Ablauf gibt das aber nicht her.
Wenig Geld in der Boombranche
DHL-Sprecher Manfred Hauschild bestätigt das Dilemma. Die Mitarbeiter würden bei knapp neun Euro die Stunde einsteigen, sagt er, mehr als bei anderen Unternehmen. "Ein großer Teil kommt aus der Arbeitslosigkeit und ist froh, wieder einen Job zu haben." Doch das nächtliche Umschlaggeschäft rotiert teils nur vier bis fünf Stunden. Deshalb müssten auch Leistungen vom Amt in Anspruch genommen werden. Alles in allem sind mehr als 3500 Mitarbeiter am Drehkreuz in Schkeuditz beschäftigt.
So ist der junge Boom der Logistikbranche, der große Unternehmen nach Leipzig gebracht hat, Segen und Fluch zugleich: Die Jobs werden mehr - doch das Einkommen steigt nur bedingt. "Eine Ursache dafür ist tatsächlich die Wirtschaftsstruktur der Stadt", sagt Rathaussprecher Matthias Hasberg. "Leipzig sind nach der Wende 110 000 Industriearbeitsplätze weggebrochen. Jetzt haben wir einen starken Fokus auf die Logistikbranche mit oft gering bezahlten Jobs." In Dresden und Chemnitz sei die Entwicklung anders gelaufen. Dennoch hegt das Rathaus Hoffnung: Es zeichnet sich ab, sagt Hasberg, dass die Löhne steigen. Immerhin: Die Arbeitslosigkeit habe sich seit 2005 auf zehn Prozent halbiert.
Doch ausgerechnet mit der agilen Kreativszene wächst noch so ein prekärer Bereich. Katharina, 32, aus Schleußig weiß das. Sie betreibt mit ihrem Mann einen Kreativraum im Szeneviertel Plagwitz. Sie haben zwei Kinder, sie leben für ihr Projekt, aber oft von nur 1800 Euro im Monat - zu viert. Manchmal fließt genügend Fördergeld. Wenn nicht, sind Elterngeld oder Hartz IV gefragt. So wie bei 130 000 Freiberuflern in Deutschland auch. "Ich rette mich kreativ durchs Leben", sagt Katharina.
Vor 15 Jahren kam die Thüringerin nach Leipzig, wurde Betriebswirtin für Immobilien und merkte, dass das nicht ihr Leben ist. Die Lebenskünstlerin wechselt in die Kulturwissenschaften, wird zum ersten Mal schwanger, startet Projekte, wird Existenzgründerin und eine Art Managerin in der freien Szene. Heute betreibt sie eine interaktive Galerie für Kunst und Medien, bietet mit Unterstützung von Kultur- und Wirtschaftsförderung Ausstellungen, Bildungsprogramme, Workshops an. "Für unsere Vision halten wir die Lebenshaltungskosten gering. Aber unser Einkommen soll Stück für Stück steigen - dafür bin ich schließlich selbstständig." Vorerst aber hofft Katharina, dass ihre Miete nicht steigt, doch dem Wohnhaus droht eine Luxussanierung. "Da bekommt man plötzlich das Gefühl, arm zu sein." Das Schlimmste daran ist die Unsicherheit, die Angst, dass irgendwas schiefläuft.
Doch der Traum, dass es bald besser wird, treibt sie an und eint sie - die, die unter der Armutsgrenze leben. "Es ist eine Gruppe, die keine Lobby hat", sagt Christoph Köst, der Leiter der Obdachlosen-Oase. Auch sein Schützling Max geht tagsüber aufs Amt und hofft, dass sie seinen Hartz-IV-Antrag bewilligen und auszahlen. Ab und zu sitzt er im Computerraum der Uni und surft kostenlos im Internet. Er träumt von einer eigenen Wohnung, einem regelmäßigen Job, einer Ausbildung. Seine Freundin erwartet allerdings vor allem, dass er jetzt "keinen Scheiß mehr bauen soll". Das wäre ein Anfang.